Kommentar: Quellenkritik in Zeiten digitaler Geschichtspolitik (ÖAW Vortrag, 2.4.19)

 

Am vergangenen Montag nahm ich als Hörer am Gastvortrag von Peter Haslinger an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über Quellenkritik in Zeiten digitaler Geschichtspolitik teil. Aufgrund meiner langzeitigen Auseinandersetzung mit digitalen (bzw. digitalisierten) Quellen (sowohl in meinem Dissertations- und Forschungsprojekt ‘The Emperor’s Desk‘ sowie als Mitglied des Arbeitskreises für Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele) handelt es sich dabei um ein für mich sehr wichtiges und spannendes Thema.

Die zunehmende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Wandel, den das digitale Zeitalter einherbringt, ist durchwegs erfreulich. Digitalisierungsoffensiven und Open Access Initiativen, Kooperationen mit Informatikzentren und die Zusammenarbeit mit digitalen Medien und Netzwerken (bis hin zu Social Media und Bloggingplattformen) sind dabei sicherlich nur ein Teil der Richtungen, in denen sich die traditionelle Geschichtswissenschaft entfalten kann. Wichtig erscheint mir dabei, dass sich Diskussionen um das Thema dementsprechend produktiv und konstruktiv entfalten müssen. So musste ich den doch sehr spannenden Vortrag von Peter Haslinger, der zweifelsfrei viele offene Wunder der aktuellen Geschichtswissenschaft aufzeigte, mit einem sehr schalen Nachgeschmack reflektieren.

Der Vortrag öffnete erneut zahlreiche Perspektiven auf die vielen Problemfelder der fortschreitenden Digitalisierung. Aus blieb jedoch, mögliche Routen zur Bewältigung und Lösung aufzuzeigen. Und zu behaupten, dass diese nicht vorhanden sind, wäre ein Irrtum. Die Verwendung von schwammigen Begriffen und unscharfe Abgrenzungen von unterschiedlichen Thematiken sind dabei ein großes Hindernis, das die Herausforderungen des digitalen Zeitalters unbezwingbar erscheinen lässt. Digitale Quellenkritik mag somit nach wie vor zu einem Desiderat gehören, doch lohnt eine Differenzierung zwischen Akteurinnen und Akteuren, sowie den eigentlich behandelten Quellen. Digitalisate und Online-Publikationen bis hin zu (halb-)wissenschaftlichen Online-Wissensressourcen können hinsichtlich einer solchen Diskussion nicht salopp unter dem Begriff “digitale Quellen” zusammengefasst werden. Je nach Verbraucher werden sie außerdem unterschiedlich verwendet. Während das Paradebeispiel Wikipedia heute zu den am meisten aufgerufenen Internetseiten zählt, erfreuen sich digitale Scans von Verwaltungsakten des 19. Jahrhundert keines so großen Ansturms. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Interessen der “User” stark unterschiedlich ausfallen. Richtet sich der Appell an eine ausgeprägtere “digitale Quellenkritik” nun an Historikerinnen und Historiker oder die breite Bevölkerung? Solche Unklarheiten bzw. Vermengungen von Aspekten sorgen effektiv für eine Verlangsamung von Fortschritten im Bereich der digitalen Geisteswissenschaften, anstatt dies zu beschleunigen und konstruktiven Input zu liefern. One problem at a time, wäre hier ein Vorschlag.

Ein anderer Bestandteil des digitalen Zeitalters, den Haslinger aufwarf und mit dem die Geschichtswissenschaft zu kämpfen hat, ist just jene “Konkurrenz”, die mit Wikipedia schon angedeutet wurde. Geschichte, Geschichtsmythen und Narrative werden instrumentalisiert. Rechtsextreme Gruppierungen, Politiker bis hin zu “Mnemonic Warriors” usw. greifen vermehrt auf Inhalte der Geschichtsschreibung zu – ein Faktum, das all jene Forscherinnnen und Forscher, die sich mit Nationalismus beschäftigen, nur allzugut kennne. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein neues Phänomen. Sich weiter in den Elfenbeinturm zu verkriechen stellt dabei die katastrophalste Reaktion von allen dar. Darunter fällt solche gefährlichen Bewegungen zu belächeln und sie nicht ernst zu nehmen, sowie darauf zu beharren, dass “wir” die richtigen Inhalte ohnehin in Form von Forschung zur Verfügung stellen. Darin liegt großes Problem im Umgang mit dem digitalen Zeitalter. Wie verfügbar sind wissenschaftliche Inhalte heutzutage?

In der praktischen Lebenswelt eines Menschen, der nicht akut mit Geschichtswissenschaft zu tun hat, benötigt es publikumswirkame Initiativen, um die Kluft zwischen Fachwissenschaft und Allgemeinwissen zu überbrücken. Dass sich die Geschichtswissenschaft und die Historikerinnen und Historiker dieser Aufgabe nur in reduziertem Maße (bspw. Lehre, Ausstellungen) annehmen, ist eigentlich unfassbar. Denn während die Fachliteratur der Geschichtswissenschaft nur in Ausnahmefällen eine breite Öffentlichkeit erreicht, nutzen zahlreiche Unternehmen die Marke Geschichte, um just mit dieser Fachliteratur aus dem Elfenbeinturm gutes (und nicht wenig) Geld zu machen.

Zu behaupten, das digitale Zeitalter stellt die Geschichtswissenschaft vor fasst unlösbare Probleme, kommt schlicht zu kurz. Beispiele wie der Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und digitale Spiele, die Blogplattform Hypotheses und die Auftritte von Historikerinnen und Historikern auf Twitter zeigen, dass die vorhandenen digitalen Strukturen erfolgreich genutzt werden können, um Quellenkritik (auf allen Ebenen) zu fördern und eine Monopolosierung von Geschichtsinhalten im Netz durch extremistische Gruppen zu verhindern. Die Geschichtswissenschaft muss ihre Stätten der Forschung deshalb nicht verlassen und sich auf Instagram oder Youtube neu ansiedeln, um ihr Publikum zu erreichen. Doch vielleicht wären gerade die Brücken im Format 640×640 genau jene notwendige medial wirksame Einladung an einen größeren Teil der Bevölkerung, sich aktiver mit Inhalten der Geschichtswissenschaft auseinanderzusetzen.

Featured image under CC 3.0, 1000 Cubes. Large with aspect ratio of 4:3, Nevit Dilmen (2002, no changes were made).

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