Die Erosion von Männlichkeit

Was ist ein Mann? Was ist männlich? Wir alle können uns darunter vermutlich etwas vorstellen, meistens ruft die Frage ein Bild im Kopf hervor, beispielsweise den berüchtigten Marlboro Cowboy!

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Der Marlboro Cowboy zählt für viele als typisch männlich: wild, markante Gesichtszüge, kräftig, rauchend, Jeansjacke… Aber ist das jetzt DER MANN oder DIE MÄNNLICHKEIT schlechthin? Sind alle Männer wie der Marlboro Cowboy oder sollten beziehungsweise müssen alle Männer so sein?

Ein absoluter Experte zum Thema Männer in den 80er Jahren beschreibt Männer so:

Männer nehmen in den Arm
Männer geben Geborgenheit
Männer weinen heimlich
Männer brauchen viel Zärtlichkeit

Wie passt das zu unserem Cowboy?

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Es handelt sich bei dem zitierten Experten natürlich um Herbert Grönemeyer und einer Stelle aus einem Song Männer. Grönemeyer schaffte im Jahr 1984 aber schon etwas, das heute oft nach wie vor untergeht: Männer und Männlichkeit sind ambivalent und vielfältig. Somit ist die Frage, die mich auch in meiner Forschung beschäftigt, nicht WAS IST EIN MANN, sondern WANN IST EIN MANN EIN MANN, um wieder Grönemeyer zu zitieren.

Männlichkeit ist nichts Konstantes, es gibt nicht den Urmann, der noch „echt männlich“ war. Männlichkeit ist ein Kulturprodukt und fällt zeitlich und räumlich immer unterschiedlich aus. Insofern ist die Idee, dass eine Erosion von Männlichkeit vor sich geht, nichts neues. Die Krise der Männlichkeit wird fast ständig, historisch sowie gegenwärtig, heraufbeschworen. Stets findet sich DIE MÄNNLICHKEIT bedroht. Dabei handelt es sich hierbei um ein absolutes Phantom.

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Denn jeder Mensch glaubt zu wissen, was Männlichkeit ist, aber es dann doch zu beschreiben, benennen usw. zeigt, wie phantomhaft das Ganze dann doch ausfällt, wie unscharf und wie schwammig.

„DIE MÄNNLICHKEIT“ ist somit ein Phantom, das uns ständig zu begleiten scheint!

Tatsächlich sprechen wir häufig eigentlich von der sogenannten „HEGEMONIALEN MÄNNLICHKEIT“, einem Konzept der australischen Soziologin Raewyn Connell. Eine Vorstellung von einer Art ÜBERMÄNNLICHKEIT, die uns alle, Frauen, Männer, Transgender usw., beeinflusst. Kurz: So stellen wir uns den perfekten Mann vor.

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Die Vorbildfiguren sind dabei zahlreich, vom mittelalterlichen Ritter, dem Beschützer, dem Helden, der Vaterfigur, dem Lehrer, Batman, Superman – all diese Figuren, die Männern schon im Kindesalter begegnen, transportieren Männlichkeitsvorstellungen. Arbeitsfähigkeit, Zeugungsfähigkeit, Tapferkeit, und so weiter … all das und mehr können eine hegemoniale Männlichkeit ausmachen.

Oftmals findet man in der Forschung dann einen Unterschied zwischen Norm und Praxis, der oftmals sehr gut anhand von Werbung deutlich wird.

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Hier haben wir zwei Männer, überlegen wir kurz, wo sehen wir hier den hegemonialen Mann, wo den normalen Mann, wo eine Norm, wo eine Praxis, wo einen „ECHTEN MANN“?

In dieser Frage liegt eine kleine Falle. Denn tatsächlich unterliegen beide Männern der Wirkung von hegemonialen Vorstellungen, beides sind echte Männer im Sinne von real existierenden Personen. Beide Bilder sind im Rahmen von Werbekampagnen entstanden. Medienkritik ist hier wichtig, aber in beiden Fällen! Das Problem liegt abermals nicht bei der Frage WAS IST EIN MANN. Die Problematik liegt vielmehr im sozialen Prozess des Männlichkeit Zu- oder Absprechens. Wir haben hier schlicht zwei Formen von Männlichkeit in unterschiedlichen Kontexten. Keiner sollte männlicher oder unmännlicher gewertet werden. Wenn es dennoch passiert, müssen wir die Frage stellen: Warum?

Die Erosion von Männlichkeit ist damit nicht die Abschaffung eines Ronaldo-Männlichkeitsbildes, sondern dessen breite und kritische Kontextualisierung. Die komplette Dekonstruktion von Männlichkeit, sozusagen eine Tabula Rasa der Männlichkeit, ist hingegen ein gefährliches Unterfangen. Sie öffnet nämlich gerade heute die Tore für populistische und extremistische Gruppierungen, die den Bereich Männlichkeit geradezu kapern.

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Und genau darum geht es, wenn wir von toxischer Männlichkeit sprechen. Eine Bewegung, die eine aggressiv sexualisierte Form des Männlichen an den Tag legt und, das ist besonders wichtig, jede noch so kleine Abweichung von den eigenen Vorstellung somit Hegemonial bestraft. Toxische Männer kennen nur eine ultra-traditionalistische konservative Form der Männlichkeit. Sie müssen weiter heimlich weinen.

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Die Erosion von Männlichkeit ist so schließlich nicht nur die nützliche Erosion von veralteten Konzepten, Stichwort Patriarchat, sondern die Erosion des Konzeptes selbst. Oder einfacher gesagt: die Erosion der Wahrnehmung von Männlichkeit als etwas Singuläres, Konstantes. Die Forschung spricht bereits seit längerem von Männlichkeiten im Plural und darin liegt das große Potential: Was erodiert, ist die falsche Vorstellung einer einzelnen, natur- oder gottgegebenen, singulären Männlichkeit. Es öffnet sich ein Handlungsraum multipler und vielfältiger Männlichkeiten. Diese zu gestalten, ist wiederum unsere Aufgabe und ein absolut interdisziplinäres Unterfangen: Energiewirtschaft, Fashion und Technology und Migration spielen dabei ebenso eine Rolle wie Medizin, Medien und Politik. Es ist somit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, positive Masculinities, positive Männlichkeiten, zu gestalten.

 

Bildquellen:

Marlboro Cowboy, Werbekampagne Marlboro.
Crossing Art and Science, Juni 2019, Andreas Enderlin-Mahr, Hintergrund Abbildung von Herbert Grönemeyer. Foto: © vog.photo.
Das schwarze Phantom. © Egmont/Disney.
Lancelot fighting the dragons of the Val without return, 15. Jahrhundert, Public Domain.
“So sehen normale Männer in der Unterwäsche-Werbung aus” via RP Online via IMGUR. https://rp-online.de/panorama/ausland/so-sehen-normale-maenner-in-der-unterwaesche-werbung-aus_bid-19537463#2.

 

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