Informelle Macht und Social Media

Die Untersuchung von informeller Politik gehört zu den schwierigsten Herausforderungen, denen sich PolitikwissenschaftlerInnen, PolitologInnen, KulturwissenschaftlerInnen und besonders HistorikerInnen annehmen können. Das liegt in der Sache selbst: Informelles begleitet Formalprozesse, etwa den bürokratischen Akt in der öffentlichen Verwaltung, und lebt häufig davon, für die Strukturen unsichtbar oder zumindest verschwommen zu bleiben. Doch kaum jemand würde die Macht des Informellen in Frage stellen.

Persönliche Unterredungen, inoffizielle Schreiben und Notizen, nicht protokollierte Telefonate, ein Gespräch beim Kaffee – die informelle Dimension von Politik kann viele Gesichter annehmen. Zuletzt müssen auch Formate wie Twitter dazu gezählt werden, die zu einer erhöhten Komplexität des Feldes führen, da sie eine Differenzierung zwischen informelle und formell zusehend unmöglich erscheinen lassen. Dies wird insofern kritisch, wenn Personen jenseits ihrer formellen Kompetenzen handeln und sich neue Handlungsräume erschließen.

Wenn Donald Trump mit seinen Tweets Börsenfluktuationen auslöst, haben wir hier die Verschmelzung von informellen und formellen Dimensionen des politischen Handelns. Es lässt sich die politische Praxis beobachten. Strukturell erfolgen Trumps Handlungen auf seiner Machtbasis als Präsident der Vereinigten Staaten. Dieses Amt bringt neben seinen offiziellen Instrumenten auch symbolischen Macht mit sich. Und genau letzteres wird an der Social Media Aktivität des Präsidenten deutlich. Trumps Tweets müssen durchwegs als offizielle Statements des Präsidenten gesehen werden. Sie stehen jedoch nicht auf derselben Ebene wie eine offizielle Presseaussendung oder ein besiegeltes Staatsdokument beispielsweise in Form eines Vertrags. Formell hat der Präsident der Vereinigten Staaten zum Beispiel keine Weisungsmacht über die internationalen Finanzmärkte.

Dennoch lassen sich für die letzten zwei Monate Ereignisse beobachten, die schon verdächtig nahe einer Markmanipulation rangieren. Zieht man hinzu, dass Trump aus dem Wirtschaftsbereich kommt und somit kein unbeschriebenes Blatt hinsichtlich der Finanzmärkte ist, so sollte den Geschehnissen zumindest ein kritischer Blick geschenkt werden.

US-China Tradewar

Mittlerweile ist der drohende Handelskrieg zwischen den USA und China deeskaliert. Die mediale Berichterstattung fokussiert sich aktuell auf die Berichterstattung über das Corona-Virus. Im Dezember sah dies noch anders aus und die Finanzmärkte reagierten empfindlich auf die kleinsten Meldungen bezügliche möglicher Bewegungen oder den Stillstand in den Verhandlungen zwischen den USA und China. Am 13. Dezember verlautbarten beide Seiten eine Entspannung im Handelskrieg. Doch die Märkte reagierten schon einen Tag zuvor. Denn Trump nutzte seine symbolische Twittermacht und postete schon am 12. Dezember auf seinem Social Media Kanal:

 

Die Märkte stiegen rasant und erreichten teils Rekordniveau. Anleger in den richtigen Bereichen konnten hiervon saftig Profit machen.

Einen Schritt vor dem 3. Weltkrieg

Das neue Jahrzehnt begann mit einem Knall. Nach der Beseitigung des iranischen Generals Soleimani durch einen taktischen Angriff der USA stand die Welt für kurze Zeit zumindest vor einem größeren militärischen Konflikt im Nahen/Mittleren Osten. Die Finanzmärkte reagierten mit einem rasanten Anstieg des Gold- und besonders des Ölpreises. Die Angst und Sorge vor einem Krieg und Tweets von Trump, die die Möglichkeit auf eine diplomatische Lösung des Konflikts unwahrscheinlich erschienen ließen, sorgten für einen weiteren Höhenflug der Ressourcen. SpekulantInnen sahen die Möglichkeit auf fette Gewinne: der drohende Krieg hätte Öl zur wertvollsten Ressource des Planeten gemacht, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Setzt man in so einer Situation auf den Anstieg des Preises unter den richtigen (risikohaften) Bedingungen, lassen sich Milliardengewinne erzielen. Dass man dabei dann von Blutgeld sprechen müsste, da InvestorInnen sich defacto am Krieg bereichern, ist eine ethische Dimension der Finanzmärkte, die Beachtung verdient, jedoch keineswegs neu ist. Jedoch blieben die Milliardengewinne für diese SpekulantInnen aus, denn glücklicherweise kam es zu keinem Krieg zwischen den USA und dem Iran: der Ölpreis fiel als Zeichen der Entspannung.

Trumps diplomatische Vorgehensweise kam für viele überraschend. Mit Hinblick auf die Finanzmärkte muss jedoch noch ein anderes Szenario diskutiert werden, denn obwohl in diesen wenigen Tagen zahlreiche SpekulantInnen Unsummen an Geld an der Börse verloren, gab es wiederum jene InvestorInnen, die mit einer anderen Strategie tatsächlich Milliardengewinne einholten. All jene, die auf einen fallenden Kurs setzten, zogen mit satten Gewinnen davon. Trumps Tweets spielten dabei wieder eine entscheidende Rolle. Wie in vielen Angelegenheiten der Finanzmärkte wäre ein frühzeitiges Wissen um diese Informationen im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert gewesen.

Informelle Macht

Informelle Macht geht historisch gesehen faktischer Macht voraus. Wird sie häufig genug und effizient eingesetzt, schafft sie es schlussendlich in das offizielle Machtbündel eines Amtes. Gerade im 19. Jahrhundert sind Amtsinstruktionen einem Wandel unterworfen, der aus der politischen Praxis heraus resultiert. Erfolgreiche Praktiken ziehen schlußendlich in den offiziellen Macht- und Wirkungsbereich ein. Für die Zukunft stellt sich die Frage, ob politische Social Media Arbeit künftig als offizielles Machtinstrument der PolitikerInnen etabliert und auch formalisiert wird, ähnlich wie der Ansatz des @POTUS Twitteraccounts. Dieser ist der formal offizielle Account des amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten, besteht aktuelle jedoch aus Retweets von Trumps persönlichem Account. Informelle Macht verändert sich somit wenig überraschend mit den neuen Medien maßgeblich, die Unterscheidung zwischen formell und informelle, offiziell und inoffiziell wird zunehmend unmöglich. Die politische Praxis wird komplexer und die Machtfülle unüberschaubarer und unberechenbarer. War es vor wenigen Jahren noch der Beschluss eines Staates mit all seinen verfassungsrechtlichen Instanzen, der einen Krieg erklären konnte, so reicht heute defacto, dahin gesehen informell und inoffiziell, der Tweet eines Mannes mit Macht.

 

Featured Image: Dürer, Karl der Große.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s