Adolf von Braun: Habsburgs mächtigster Beamter?

Er war ein persönlicher Berater und Vertrauter Kaiser Franz Josefs. Jährlich wirkte er auf über 4.000 Entscheidungen des Kaisers ein. Er unterstützte Menschen dabei, ihr Anliegen vor dem Monarchen zu einem positiven Resultat zu bringen. War Adolf Freiherr von Braun, Franz Josefs einflussreicher Kabinettskanzleidirektor von 1865 bis 1899, Habsburgs mächtigster Beamter im 19. Jahrhundert?

Macht im Staat des 19. Jahrhunderts

Über die Frage, wer im Staat die meiste Macht hat, lässt sich heftig streiten. Das trifft nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart zu. Historisch lassen sich immerhin Spuren finden, die uns auf die wahren Drahtzieher und Machthaber weisen, Spuren, die in der Gegenwart noch tief in Ministerien, Aktenschränken und privaten Schubladen versteckt sind. Für das 19. Jahrhundert warten die enthüllende Dokumente in den Archiven – wenn sie nicht zerstört wurden.

Im 19. Jahrhundert gewann die Politik der Habsburgermonarchie zunehmend an Komplexität. Einerseits wuchs der Staat – sowohl Bevölkerung als auch Staatsapparat sowie Bürokratie – und nahm schließlich ein bemerkenswertes Ausmaß an. Andererseits betraten mehr und mehr AkteurInnen das Parkett der Politik. Von der Innenpolitik über die Kulturpolitik bis hin zur Außenpolitik der Monarchie entwickelten sich ab 1848 moderne Politikvorgänge, die sich in vielerlei Hinsicht nicht allzu sehr von unserer heutigen Politik unterscheiden. Die zentralen Akteure waren Minister, Beamte, Interessensgruppen, Parlamente und Landtage sowie die Bürger und Bürgerinnen der Monarchie, die allesamt in einem bürokratischen System agierten. Und dann war da noch der Kaiser.

Kaiser Franz Joseph prägte zwischen 1848 und 1916 die politische Kultur der Habsburgermonarchie wie kein anderer. Seine Funktion als Monarch – mit Rechten sowie Einschränkungen, besonders ab der Verfassung von 1867 – bedeutete, dass im System der Bürokratie und Politik ein weiteres Element vorhanden war. Weder handelte es sich dabei um einen absolutistischen Herrscher, noch um einen machtlosen alten Herren mit einer (mittlerweile rein symbolischen) Krone. Der Kaiser im 19. Jahrhundert war einer der vielen politischen Akteure im bürokratischen sowie einem politischen Apparat. Nur in wenigen Bereichen der Politik war er tatsächlich ein alleinstehender Machthaber, denn seine Entscheidungen waren nicht willkürlich, sondern Teil eines weitläufigen politischen Prozesses. Dieser begann bereits bei den Bürgern und Bürgerinnen der Monarchie, lief dann weiter über die Ministerien und mündete schließlich in das kaiserliche Büro – die k.u.k. Kabinettskanzlei – und erreichte zu guter Letzt den Monarchen für die allerhöchste Signatur. Die Unterschrift des Kaisers besaß somit noch Macht, und zwar jene Macht, einen politischen Vorgang zu legitimieren. Dennoch war der Kaiser nicht der mächtigste Beamte der Monarchie. Hierarchisch bildete er die Spitze, doch der politische Prozess hatte sich seit Beginn des Jahrhunderts verlagert. Die anschwellende Flut an Vorgängen erforderte, dass die Entscheidungen praktisch schon im Vorfeld vorbereitet wurden. Zuständig dafür war die Kabinettskanzlei des Kaisers. Diese arbeitete mit den Ministerien zusammen, um dem Kaiser einen informierten und adäquaten Entscheidungsvorschlag zu liefern. Gleichzeitig bewegten sich die Beamten der Kanzlei in weitverzweigten Politiknetzwerken, allen voran ihre Kabinettskanzleidirektoren. Sie dirigierten das Geschehen in der Kanzlei und hatten den privilegierten persönlichen Zugang zum Monarchen. Neben der bürokratischen Arbeit übertrug sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend die Macht über das politische Handeln auf seine Beamten.

Das Resultat war eine politische Praxis, die in den Bahnen der formellen Bürokratie verlief, gleichzeitig aber zahlreiche informelle Handlungsräume bot. Wie kein anderer meisterte dies der langjährige Kabinettskanzleidirektor Adolf Freiherr von Braun. In seiner Funktion als Vorstand der Kanzlei konnte er die formellen Vorgänge in Form von Akten oder Majestätsgesuchen kontrollieren. Gleichzeitig belegen über 5.000 Briefe eine wirksame, informelle Dimension. Wer Zugang zu Braun hatte, hatte Zugang zum Kaiser und darüber hinaus auf dessen allerhöchste Entscheidungen. Zahlreiche Personen, namhaft sowie unbekannt, nutzten diesen Weg. Hatten die Zeitgenossen womöglich bereits erkannt, dass es sich bei Braun um Habsburgs mächtigsten Beamten handelte?

Adolf Braun: der mächtigste Beamte?

Am Ende seiner Karriere im Staatsdienst konnte Braun auf ein erfolgreiches und einflussreiches Wirken zurückblicken. Besonders in den über 30 Jahren im Dienste der Kabinettskanzlei bestimmte er auf eine subtile Weise verschiedenste Bereiche der Politik in der Habsburgermonarchie. Manche erscheinen klein und unbedeutend. Beispielsweise wenn er Witwen und Waisen zu Gnadenpensionen verhalf. Doch die symbolische Dimension war enorm. Sie verhalf Braun zu einem ausgezeichneten Ruf als Wohltäter, Gönner und Helfer. Die große Politik beeinflusste Braun durch sein Zusammenwirken mit Ministerpräsidenten und bei der Bildung (oder Demissionierung) von Regierungen. Dazwischen finden sich mitunter die Bereiche Staat (Vergabe von staatlichen StelleN), Kunst, Kultur und Wissenschaft, Industrie, Hofangelegenheiten sowie Kirche. In Mikronetzwerken wurden unterschiedlichste Anliegen ausgehandelt und für die kaiserliche Entscheidung vorbereitet. So brachte Braun beispielsweise zusammen mit dem Kunsthistoriker Rudolf Eitelberger zahlreiche Ringstraßenprojekte in Stellung für die kaiserliche Unterstützung. Dabei verhalf er zahlreichen bis dato unbekannten oder erfolglosen Künstlern zu ersten größeren Auftragsarbeiten, darunter Viktor Tilgner, Carl Kundmann oder sogar Hans Makart.

Das Zusammenspiel zwischen Brauns Amt und seiner Umtriebigkeit mit namhaften Persönlichkeiten und den Bürgerinnen und Bürgern der Monarchie prägte eine äußerst funktionelle und wirkmächtige politische Praxis. Brauns Einfluss war für die Zeitgenossen kein Geheimnis. Sein gutes Verhältnis zum Kaiser, den er auch in privaten Angelegenheiten unterstützte, ermöglichte ihm wie kaum einem anderen als Gatekeeper zwischen Monarchen, Staat, Hof sowie Bürgerinnen und Bürgern zu agieren. Das daraus resultierende Politiknetzwerk ist sozial und geographisch weitläufig. Dennoch weist es deutliche Tendenzen eines Elitennetzwerks auf. Das Wissen um den Einfluss des Kabinettskanzleidirektor, sowie um die bürokratischen Vorgänge und Möglichkeiten, war notwendig, um auf die politischen Vorgänge einzuwirken. Brauns Macht resultierte somit nicht nur aus seinem formellen Amt heraus. Sie basierte maßgeblich auf den Patronageverhältnissen, die sich im Laufe der Zeit im Netzwerk bildeten. Die zahlreiche Bittstellerinnen und Bittsteller wussten bereits, dass sie sich mit ihrem Ansuchen in eine Art „Schuld“ gegenüber Braun stellten. Braun forderte diese Schuld jedoch nie aktiv ein. Hingegen setzte er seinen Status als Patron ein, um in philanthropischer Manier auf ein erhöhtes Maß an Zusammenarbeit zu setzen. Darin liegt wohl auch der Grund, warum Brauns Ruf bis heute beinahe ausnahmslos glanzvoll blieb: Seine Macht, auf das politische Handeln einzuwirken, setzte er einzig und allein zu guten, häufig wohltätigen Zwecken ein.

War Braun nun der mächtigste Beamte Habsburg? Macht und Einfluss lassen sich nicht messen. Hingegen steht fest, dass Braun in seiner Funktion als Kabinettskanzleidirektor einen Handlungsraum entfalten konnte, wie es kaum einem anderen Beamten zu seiner Zeit gelang. Sein Handeln in den unterschiedliche Politikbereichen und Netzwerken zeichnen das faszinierende Bild einer einflussreichen politischen Persönlichkeit, die vornehmlich subtil agierte und dabei verschiedenste politische Entwicklungen maßgeblich bestimmte.

Literatur:

Fritz Reinöhl, Geschichte der k. u. k. Kabinettskanzlei (Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Erg. Bd.7, Wien 1963).

Andreas Anter, Politik und Herrschaft: Georg Jellinek. In: Hans J. Lietzmann (Hrsg.), Moderne Politik: Politikverständnisse im 20. Jahrhundert (Leske+Budrich, Opladen 2001) 23–36.

Eckard Bolsinger: Konstitutionsformen des Politischen: Carl Schmitt. In: Hans J. Lietzmann (Hrsg.), Moderne Politik: Politikverständnisse im 20. Jahrhundert (Leske+Budrich, Opladen 2001) 103–126.

Brigitte Gess, Politisches Handeln: Hannah Arendt In: Hans J. Lietzmann (Hrsg.), Moderne Politik: Politikverständnisse im 20. Jahrhundert (Leske+Budrich, Opladen 2001) 189–216.

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